THEATRE 145, GRENOBLE
Mit tosendem Applaus und standing ovations wurde die Inszenierung
„Das andere Land“ des Theaters im Schuppen vergangene
Woche im französischen Grenoble aufgenommen. Im Rahmen des 16.
Rencontres du Jeune Théâtre Européen zeigten dort
14 Theatergruppen aus Europa, aber auch aus Afrika und dem Nahen Osten
ihre Inszenierungen und nahmen an Diskussionsrunden und Werkstätten
teil. Der einzige deutsche Beitrag beim Festival, die Inszenierung
„Das andere Land“ vom Theater im Schuppen aus Frankfurt
(Oder), setzte sich - basierend auf bekannten Balladen von Friedrich
von Schiller - mit Liebe und Freundschaft, aber auch Verrat und Krieg
auseinander. Die begeisterte Reaktion der 400 Zuschauer wurde in der
nachfolgenden Stückbesprechung noch einmal explizit ausgeführt.
Dabei wurden besonders die Intensität des Spiels, die Ausdrucksstärke
und der Humor vielfach hervorgehoben. Die Art der Inszenierung rief
bei den internationalen Theatermachern Assoziationen zum deutschen
Expressionismus im Allgemeinen und zu Murnaus „Nosferatu“
im Speziellen hervor. Doch gerade bei der Frage, ob es sich um ein
typisch deutsches Stück handle, gingen die Meinungen auseinander.
Während die israelische Regisseurin Tamara Mielnik Wert darauf
legte, dass sich in diesen Geschichten und dieser Erzählweise
eine für die deutschen Literatur und Bühnenkunst sehr charakteristische
Handschrift zeige, hob Hubert Kagambega die universelle Gültigkeit
hervor. Für den aus dem afrikanischen Burkina Faso stammenden
Theaterleiter bedeutete vor allem die Darstellung der Grausamkeit
des Krieges ein auf seine Heimat übertragbares Bild. Er hätte
gewußt, wie grausam Soldaten sein können; nun hätte
er es auf der Bühne gesehen; so äußerte sich der Regisseur
nach der Vorstellung und bedankte sich bei Frank Radüg und den
Schauspielern des Theaters im Schuppen für die Darbietung. Vieles
liegt demzufolge im Auge des Betrachters, wobei manche mehr sehen
als andere. Weitsichtigkeit bewies auch Marco Pernich vom Studio Novecento
als er bereits vor drei Monaten die Inszenierung nach Mailand einlud.
In Grenoble konnte nun die Einladung wiederholt und ein genauer Termin
im Mai 2005 vereinbart werden.
CAFE-DEBATTE,
IM AMAL GRENOBLE
Neben dem straffen Festivalprogramm fanden Regisseure und Theaterleiter
außerdem noch Zeit, die Gründung eines internationalen
Theaterverbandes voranzutreiben. Mit der Verabschiedung der Charta
des jungen europäischen Theaters wird ein bereits bestehendes
Netzwerk von Theatergruppen aus verschiedenen Ländern institutionalisiert.
Neben dieser Fixierung von Grundsätzen wie der Verbindung von
Theater und Erziehung und dem Verständnis von Theater als Ort
der Begegnung, des Experiments, des Austausches tritt der Verband
als Sprachrohr des jungen europäischen Theaters gegenüber
offiziellen Einrichtungen auf. Gründungsmitglieder des Verbandes
sind Créarc (Frankreich), Studio Novecento (Italien), Theater
im Schuppen (Deutschland), Theatre Modo (Schottland), The Cap and
Stocking Players (England), Amifran d’Arad (Rumänien) sowie
weitere Gruppen aus europäischen und außereuropäischen
Ländern.
Das Rencontre du Jeune Théâtre Européen
ist mittlerweile ein fester Höhepunkt in der Spielzeit der teilnehmenden
Theatergruppen geworden. Doch seine Auswirkungen reichen weit über
die alljährlichen zehn Tage hinaus - ein normaler Prozess, wenn
sich Menschen begegnen, die sich verstehen.
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